Leichenhunde schlugen an__________________________________________

Auf der Suche nach Peggy baufälliges Anwesen abgetragen

 

VON RAINER MAIER

 

Eine spektakuläre Aktion hat am Samstag im Frankenwald-­Städtchen Lichtenberg  für er­neute Aufregung gesorgt: Auf der Suche nach der seit nunmehr fast sieben Monaten spurlos verschwundenen Peggy Knobloch ließ die Polizei ein baufälliges Gebäude in der Brauhausstraße teilweise abtragen. Doch unter den Ge­rümpelbergen fand sich nicht - wie die Ermittler der Sonderkommission befürch­tet hatten – die Leiche des vermissten ­neunjährigen Mädchens.

 

LICHTENBERG – Es war die lang er­sehnte „heiße Spur“: Bei einer er­neuten Befragung durch die Fahnder der Soko „Peggy“ hatten zwei etwa gleichaltrige Spielka­meraden des Mädchens am ver­gangenen Dienstag angegeben, man habe gelegentlich im Be­reich des einsturzgefährdeten An­wesens in der Brauhausstraße ge­spielt. Die Ermittler hatten das Gebäude zwar schon bei den ers­ten Suchaktionen im Mai in Au­genschein genommen, veranlas­sten aber dennoch eine erneute Durchsuchung. Da das Herumstöbern in der bereits halb eingefallenen Bruchbude zu gefährlich war, forderte man die Spezial­hundestaffel aus Nürnberg an. Und die zwei Leichensuchhunde, die am Donnerstag nacheinander in das alte Gemäuer geschickt wurden, schlugen tatsächlich bei­de heftig an und scharrten in der hintersten Ecke des früher als Werkstatt und Gerätehalle einer Landwirtschaft genutzten Häuschens an einem großen Haufen Brennholz, der durch die eingebrochene Decke vom Dachboden heruntergefallen war.

            „Wir dachten: Jetzt haben wir was“, sagte Soko-Chef Herbert Manhart am Samstag. Seit dem 7. Mai sind er und seine bisweilen 75 Beamte starke Sonderkommission auf der Suche nach der kleinen Peggy. Und nun war sie da die Chance, endlich Gewissheit über das Schicksal des Mädchen zu erhalten - wenn auch, möglicherweise, eine schreckliche Gewissheit.

            Da die weitere Nachsuche für Menschen wegen der Einsturzge­fahr nicht zu verantworten war, ordnete die Kriminalpolizei in Abstimmung mit der Hofer Staatsanwaltschaft den Teilabriss des Gebäudes an. Am Samstagmorgen gegen 9 Uhr dröhnte schweres Gerät in der engen Brau­hausstraße: Das Technische Hilfs­werk (THW) Naila begann, unterstützt von Kollegen aus Marktredwitz und Selb, mit der Abtragung des Gebäudes. Der Hofer Polizei-Pressesprecher Klaus Bernhardt erläuterte im Gespräch mit unse­rer Zeitung die Schwierigkeit dieser Aktion: „Das Haus muss lang­sam von oben abgetragen wer­den. Wir können nicht einfach alles mit dem Bagger einschmei­ßen, denn es könnte ja ein möglicher Tatort sein und wir würden eventuell wichtige Spuren ver­nichten.“

            So zog sich der Abriss des nur rund vierzig Quadratmeter großen, zweistöckigen Häuschen über den ganzen Tag hin. Das Dach wurde abgedeckt, dann vor­sichtig eine mit Ziegeln ausge­mauerte Fachwerkwand abgetragen. Als die THW-Helfer das geschafft hatten und man das Gebäude ohne größere Gefährdung      betreten konnte, wurde mit der Durchsuchung des Innenraums begonnen. Schicht für Schicht - jeweils dokumentiert vom eigens angeforderten Videoteam des Polizeipräsidiums Mittelfranken aus Nürnberg - wurden Schutt Brennholz und Gerümpel herausgeräumt und auf Laster verladen. Das THW musste die Einsatzstelle am Abend bereits mit starken Strahlern ausleuchten, als man nach Stunden schließlich auf dem Fussboden angelangt war. Gefunden hatte man nichts.

            In der Ecke, in der die Hunde angeschlagen hatten, fiel den Be­amten jedoch eine etwa dreißig Zentimeter tiefe Grube auf, in der sich fauliges Wasser gesammelt hatte. Daneben fand man rostige Kanister mit Ölresten. Möglicherweise war es dieser Geruchs-Cock­tail, der die auf Verwesungsgeruch trainierten Leichensuch­hunde in die Irre geführt hat, ver­mutete Soko-Chef Manhart. Auch diese Grube musste das THW sicherheitshalber noch aus­pumpen. Ohne Ergebnis.

            Auf Herbert Manharts Gesicht spiegelte sich am Abend die Er­leichterung, keinen grausigen Fund gemacht zu haben. Aber auch ein wenig die Enttäuschung. „Jetzt sind wir wieder auf dem Stand vom 7. Mai“, sagte er. An jenem Montag war die kleine Peg­gy auf dem Heimweg von der Schule zum letzten Mal gesehen worden, nur ein paar Schritte von ihrem Elternhaus am Lichtenber­ger Marktplatz entfernt. Doch dort ist sie vermutlich nie angekommen.

Hunderte von Polizisten und freiwilligen Helfern hatten tagelang Lichtenberg und die Umge­bung abgesucht. Zehntausende von Suchplakaten wurden geklebt, der Einsatz von Hundestaf­feln, Tauchern, Höhlen-Experten blieb ohne Erfolg. Auch die Suche aus der Luft, mit Hubschraubern und Bundeswehr-Tornados mit speziellen Wärmebildkameras, blieb ergebnislos.

            Von bisher rund 3800 Hinwei­sen und Spuren, von denen viele wieder zu einer ganzen Reihe von einzelnen Ermittlungsaufträgen für die Fahnder geführt hatten, sind nach Angaben von Polizeisprecher Klaus Bernhardt noch etwa dreißig offen. Herbert Manhart ergänzte, dass in den Soko-­Computern in Hof inzwischen über 20 000 Datensätze gespei­chert seien: Ermittlungsergebnisse mit Daten zu Personen, Orten, Zeiten, Fahrzeugen, Aussagen.

            Anfang Juli hatte Soko-Chef Manhart im Frankenpost-Inter­view gesagt, von Fehlschlägen dürften sich die Fahnder nicht frustrieren lassen: „Auch der Aus­schluss einer Möglichkeit ist ein Ermittlungserfolg.“ Das gilt nun auch für die Reste des Anwesens in der Lichtenberger Brauhausstraße. Denn sicher ist: Hier gibt es keine Spur, die zu Peggy Knobloch führt.

                                                Frankenpost, 03.12.2001