Ferkel verwest und von Ratten angefressen

Grauen im Stall

     THIERSTEIN. - Tiertragödie auf einem Bauernhof bei Thierstein: Am Mittwoch um 13 Uhr rückt ein Trupp von Männern an. In weißen und grünen Schutzanzügen und mit Mundschutz bahnt sich die Gruppe ihren Weg in den Stall. Als die erste Tür geöffnet wird, bietet sich den Männern ein Bild des Grauens: Dicht aneinander gequetscht liegen hier die schon verwesenden Ferkel - manche von ihnen von Artgenossen oder Ratten bereits angefressen. Zwischen den Kadavern grunzen die we­nigen überlebenden Schwei­ne, die es vermutlich nur ge­schafft haben, weil sie sich über das Fleisch ihrer toten Artgenossen hermachten. Wie lange die Tiere schon tot sind, vermochten gestern we­der Vertreter des Veterinäram­tes noch der Tierarzt zu sagen.

 

Bauer musste zur Herzoperation

Was sich auf dem Bauern­hof bei Thierstein abgespielt hat, ist auch eine menschliche Tragödie. Der alte Bauer, der sich stets um seine Schweine gekümmert hat, musste im November wegen einer Herz­operation ins Krankenhaus. Seit der Zeit kümmerte sich der 22-jährige Enkelsohn um die Schweine, während die Großmutter die Pflege der Rindviecher übernahm. „Ich hab’ meinem Enkel oft Hilfe angeboten, weil ich mich ge­wundert habe, dass er immer sobald mit dem Füttern fertig war. Aber er hat immer abge­lehnt und gesagt, er schafft das schon allein.“ Daher habe sie auch  keinen Grund ge­habt in den Schweinestall zu gehen, „weil ich genügend andere Arbeit hatte“.

 

„Wohl einfach das Wasser abgedreht“

     „Futter habe ich immer genügend da gehabt“, schüttelt der frisch operierte Bauer, der erst aus der Reha-Klinik ent­lassen worden ist, fassungslos den Kopf. „Letzten Donners­tag bin ich das erste Mal in den Stall und habe die Katastrophe entdeckt.“ Anstatt den kaputten Wasserschlauch zu reparieren, habe der Enkel wohl einfach den Wasserhahn abgedreht, schüttelt die Groß­mutter ungläubig den Kopf.

Als der Enkel bis Montag­abend noch immer nicht dafür gesorgt hatte, die toten Tiere aus dem Stall zu schaf­fen, wurde am Dienstagabend der Amtstierarzt des Landkrei­ses Wunsiedel, Dr. Andreas Trötschel, verständigt. Und der rückte gestern mit Tierarzt Thomas Wolf, Vertretern des Landratsamts und der Polizei auf dem Hof an, um die Kata­strophe in Augenschein zu nehmen. Polizeihauptmeister  Edwin Späthling, der die Kadaver als Sachbearbeiter für die Staatsanwaltschaft mit der Videokamera filmte, war vom Ausmaß  der  Tiertragödie schockiert: „So etwas habe ich live noch nie gesehen.“

    Entsetzt sind auch Amts­tierarzt Dr. Trötschel und Tier­arzt Wolf, der den Schweinebestand des Bauernhofs hin und wieder betreute: „Als der Großvater den Hof noch führ­te, hat es nie ein Problem mit den Tieren gegeben.“ Auch Reinhard Rasp, Geschäftsfüh­rer des Maschinenrings Wun­siedel, stand fassungslos auf dem Hof: „In sozialen Notla­gen hätten wir bestimmt ei­nen Betriebshelfer gefunden, der den jungen Landwirt un­terstützt hätte“, betonte er.

    Gestern um 17 Uhr rückte schließlich das Technische Hilfswerk auf dem Bauernhof bei Thierstein an, um die Ka­daver wegzuschaffen. Das Ve­terinäramt kümmert sich um die Desinfektion des Stalles, um die mögliche Verbreitung von Erregern zu verhindern.

 

Erste Ermittlungen wegen Tierquälerei

Um  die  überlebenden Schweine - „darunter auch Tiere, die kurz vor dem Abferkeln sind“ - kümmert sich Tierarzt Wolf. Amtstierarzt Dr. Trötschel sieht für die Schweine eine gute Chance, dass sie wieder aufgepäppelt werden können.

Und um den jungen Land­wirt, der gestern vormittag mit dem Auto verschwunden ist, kümmert sich zunächst einmal die Polizei, wie der Wunsiedler Inspektionsleiter Hans-Joachim Stumpf bestä­tigte. „Wir müssen ihm schon einige Fragen stellen, die hin­reichen bis zur Tierquälerei."

Foto: Hannes Bessermann

Text: Peggy Biczysko

 

Frankenpost 18.01.2001